Schüler diskutieren zum Volkstrauertag

Wo endet die Meinungsäußerung und wo beginnt der Hass?

Von Dirk Hamm

 Ganderkesee. Wie können Hass und Gewalt bekämpft werden? Zu Fragen wie diesen haben Schüler des Gymnasiums Ganderkesee in einer Diskussion zum Volkstrauertag ihre Gedanken offenbart.

„Ich denke, dass man den Hass nicht aus dem Internet herausbekommt, wenn man ihn nicht aus den Menschen herausbekommt.“ Dieser Diskussionsbeitrag eines Schülers ist ein starker und zum Nachdenken anregender Satz – ein Satz, von denen so mancher fiel am Dienstagvormittag in Raum H3 am Gymnasium Ganderkesee. Denn wie bereits in den Vorjahren war Werner Fleischer vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge von Geschichtslehrer Carsten Hartmann eingeladen worden, zum Thema „Volkstrauertag – Bedeutung und Relevanz für heutige Jugendliche“ zu sprechen. Und von Anfang an machte der 77-Jährige klar, dass er keinen langatmigen Vortrag halten, sondern mit den Jugendlichen einen Dialog führen wolle.

„Müssen miteinander kommunizieren“

Ein Ansinnen, das auf spürbare Gegenliebe stieß bei den Schülern der Klasse 11c. Über die gesamte Doppelstunde hinweg entfaltete sich eine angeregte Diskussion über die Lehren, die aus den Schrecken der Vergangenheit zu ziehen sind, aus dem Abgleiten Deutschlands in die Barbarei der Shoa und des Vernichtungskrieges. Ein Satz des Psychoanalytikers und Autors Alexander Mitscherlich gehe ihm nicht aus dem Kopf, sagte der Gast: „Konflikte sind zu lösen, ohne dem Gegner nach dem Leben zu trachten.“ Die zentrale Botschaft, die Fleischer daraus zieht, lautet: „Wir müssen miteinander kommunizieren, und das fängt im Kleinen an.“

Funktioniert Dialog auch im Großen?

Doch funktioniert der Dialog, also miteinander zu reden statt Interessen gewaltsam durchzusetzen, auch immer auf der Ebene der großen Politik, zumal angesichts internationaler Konflikte wie in Syrien oder im Jemen? „Das Kennzeichen der Politik ist doch der Meinungsaustausch zwischen den Parteien“, meinte eine Schülerin. Werner Fleischer hielt bewusst dagegen, um die Diskussion zu befeuern: „Können wir damit Herrn Putin überzeugen, nicht in der Ukraine zu intervenieren?“

Der Ganderkeseer, der nach eigenen Angaben noch schwache Erinnerungen an das Kriegsende hat, stellte klar, dass er kein Pazifist sei und militärische Kapazitäten zur Landesverteidigung befürworte. Zugleich stellte er die Frage in den Raum, ob Deutschland angesichts der eigenen Geschichte auf internationaler Ebene eher Einfluss nehmen solle, „indem es Vorbild ist“ als mit Auslandseinsätzen und Waffenexporten.

Meinungsstarke Schüler

An dieser Frage schieden sich die Geister im Kreis der 16- und 17-Jährigen. „Wenn wir die Waffen nicht produzieren, machen es andere“, gab ein Schüler zu bedenken. Mit dem Export von Waffen habe man auch ein Druckmittel in der Hand, um auf internationale Konflikte Einfluss zu nehmen. Demgegenüber meinte eine Schülerin, dass es nicht wirklich Frieden geben könne, wenn Staaten mit Mitteln wie Waffenexporten unter Druck gesetzt werden.

Plädoyer für Pressefreiheit

Fleischer verknüpfte den beim Thema Volkstrauertag unerlässlichen Blick zurück auf die Anfänge der Naziherrschaft mit einem leidenschaftlichen Plädoyer für die im Grundgesetz verankerten Grundrechte und insbesondere die Pressefreiheit. Seine eindringliche Mahnung: „Schauen wir auf das Jahr 1933. Wir müssen aufpassen, dass sich das nicht wiederholt.“ Doch wie weit darf die Meinungsfreiheit gehen? AfD, Pegida und andere populistische Kräfte dürfen nach Fleischers Meinung nicht völlig losgelöst agieren: „Wir müssen genau hingucken. Alles hat Grenzen. Auch diese Leute müssen sich an Leitplanken halten.“

Grenzen der Zensur

Eng damit verknüpft ist die Frage, wie großzügig die Toleranz bei Kommentaren in den sozialen Medien ausfallen sollte. Es müsse zwischen Meinung und Hassrede unterschieden werden, forderte eine Schülerin. Bei zu rigoroser Regulierung drohe Zensur: „Es besteht die Gefahr, dass nicht nur Hassrede, sondern auch das, was den regierenden Parteien nicht gefällt, zensiert wird.“ Wie die Menschen in der Online-Kommunikation miteinander umgehen, habe mit der Erziehung, aber auch der Prägung der Gesellschaft zu tun, sagte eine andere Gymnasiastin. Und eine dritte machte klar, dass Verharmlosung von und Anstiftung zur Gewalt nicht toleriert werden dürfe: „Bei so etwas muss härter durchgegriffen werden.“ Auch Werner Fleischer stimmte dem zu: „Hass und Gewalt sind im Grunde Brüder, man muss beides bekämpfen.“

Nur wie das gehen soll, das ist die Gretchenfrage. Dass es immer mit Dialog gelinge, da meldete einer der Schüler seine Zweifel an: Mit den Menschen, die hasserfüllt ihre Kommentare absondern, könne man nicht reden. „Den Hass können wir nicht einfach in eine Ecke kehren.“

Quelle: Delmenhorster Kreisblatt (19.11.2019)